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Interview

Der Barock-Zyklus: Neal Stephenson im Interview

Anfang Mai 2008 trafen wir Neal Stephenson im British Museum in London und sprachen dort mit ihm über seinen dreibändigen Barock-Zyklus, der mit dem Erscheinen von „Principia“ nun auch in Deutschland abgeschlossen ist.

Neal Stephenson

© Peter von Felbert

Die Barock-Trilogie ist in der Zeit von 1655 bis 1714 angesiedelt, also der Epoche zwischen Renaissance und Aufklärung. Diese wird häufig unterschätzt, obwohl es ein hochinteressanter Zeitraum ist, in dem die Grundlagen unserer modernen Welt gelegt wurden: in der Philosophie, in der Wissenschaft und im Geldwesen. Vielleicht könnten Sie uns etwas mehr über die technischen Neuerungen dieser Zeit erzählen, denn tatsächlich wurden auch die ersten Computer schon damals erdacht.

Mein Interesse an dieser Epoche wurde durch die Arbeit an meinem Buch “Cryptonomicon” geweckt, in dem es um Geld und Computer geht. Damals unterhielt ich mich mit einem Freund, der in den USA Philosophie lehrt, und er fragte mich: Wusstest du, dass Newton in den letzten dreißig Jahren seines Lebens die königliche englische Münzanstalt leitete? Nein, das wusste ich nicht. Tja, und George Dyson, ein anderer Freund von mir, hat ein Buch mit dem Titel „Darwin Among the Machines“ verfasst [auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Darwin im Reich der Maschinen“]. Er geht darin ausführlich auf die Geschichte des Rechenwesens ein und schreibt über Leibniz, der einen Computer entwickelte, lange bevor man gemeinhin an solche Dinge denkt … Nein, fangen wir noch einmal anders an:

Jeder hat schon einmal von Turing gehört und von Babbage, dem Mann, der im 19. Jahrhundert den mechanischen Computer konstruierte. Auf mich wirkte die Erkenntnis, dass Leibniz den gleichen Ideen schon im 17. Jahrhundert nachgegangen ist, wie ein kleiner Schock.

Meine Situation stellte sich also folgendermaßen dar: Ich interessiere mich für Geld und Computer. Und dann stoße ich zum einen auf Newton, der in der königlichen Münzanstalt im wahrsten Sinn des Wortes Geld macht, und zum anderen auf Leibniz, der zur selben Zeit die ersten Computer entwickelt. Hinzu kommt, dass die beiden sich hassen, ja, sich regelrecht bekriegen. Ich war einfach der Meinung, dass über diese Geschichte ein Buch geschrieben werden musste. Für mich war das das perfekte Thema. Als ich dann begann, mich intensiver mit dieser Epoche auseinanderzusetzen, stellte ich fest, dass damals ungeheuer viel passiert ist: Es wurden unglaublich viele Erfindungen gemacht, so viele wissenschaftliche Entdeckungen ...; das Geldwesen und unser heutiges politisches System haben Sie ja bereits erwähnt. Ich hatte wirklich jede Menge Stoff, über den ich schreiben konnte.

Jeder Band der Barock-Trilogie umfasst rund 1.000 Seiten, und es ist auch bekannt, dass Sie das ganze Manuskript mit einem Füllfederhalter geschrieben haben. Mindestens ebenso bemerkenswert finde ich jedoch, dass es Ihnen gelungen ist, den Überblick über Ihr Material zu behalten. Es gibt ein Foto, das einen gigantischen Manuskriptberg zeigt. Wie sieht es eigentlich in Ihrem Arbeitszimmer aus?

Manuskript Stapel

Mein Arbeitsplatz ist winzig, es ist eine kleine Ecke, vielleicht vier Quadratmeter groß. Überall an den Wänden um mich herum hängen Sachen, Papiere, Notizen – sie liegen auf dem Fußboden, stapeln sich in Regalen ... Als ich zum Beispiel an „Principia“, dem Abschlussband der Barock-Trilogie arbeitete, hatte ich eine riesige historische Karte des London von vor 300 Jahren in einem großen Halbkreis an der Wand um mich herum aufgehängt. Ich sitze beim Schreiben auf einem Drehstuhl, also brauchte ich mich nur im Kreis zu drehen, die Karte anzusehen und mir zu überlegen: OK, er muss also von hier nach da gehen und dafür muss er diese Straße hinunterlaufen. Außerdem orientierte ich mich durch viele kleine Fähnchen und Notizen auf der Karte. Zusätzlich hielt ich die Zeitlinie, die chronologische Abfolge der Ereignisse in einem Notizbuch fest. Jede Seite stand für einen Monat. Von 1650 bis 1714 gab es also in diesem Notizbuch für jeden Monat eine Seite, und außerdem hatte ich Spalten angelegt: Es existierte eine Spalte für das, was Newton gerade tat, eine für das, was Leibniz tat, eine für das, was sich parallel dazu in England abspielte, und eine für die Ereignisse in Frankreich. Wann immer ich in einem Geschichtsbuch auf ein entsprechendes Ereignis stieß, beispielsweise wenn vom März 1683 die Rede war, griff ich zu meinem Notizbuch und trug es in die zugehörige Spalte ein. Als ich das Notizbuch fertig hatte, konnte ich jeden einzelnen Monat durchgehen und mir ansehen: Hier ist das passiert, hier das und hier das. Dieses Notizbuch wurde äußerst wichtig für mich. Unvorstellbar, was gewesen wäre, wenn ich es verloren hätte … Also habe ich es immer bei mir getragen.

Wie intensiv muss ein Autor vor Ort recherchieren, um eine Handlung glaubhaft darstellen zu können?

Ich habe folgendes festgestellt: Wenn ich an einen mir unbekannten Ort fahre, nehme ich 90 Prozent dessen, was ich sehen möchte, in den ersten 24 Stunden wahr. Vielleicht liegt das daran, dass man einer Stadt oder einem Land, in der oder in dem man nie zuvor gewesen ist, mit wacherem Blick begegnet; alles ist neu und andersartig, und man nimmt diese ganzen Eindrücke einfach sehr rasch in sich auf. Wenn man ungefähr einen Tag lang dort verbracht hat, hat man sich daran gewöhnt und sieht wenig Neues. Daher bin ich auf Kurzreisen verfallen. Ich bin nach Leipzig gefahren und habe einen Tag damit zugebracht, durch die Stadt zu laufen, dann fuhr ich in den Harz und so weiter. Ich bin der Meinung, dass das ziemlich gut funktioniert hat. Außerdem habe ich viele Museen besucht, allerdings keine Museen wie das British Museum, in dem wir hier sitzen. In vielen Orten gibt es winzig kleine, eigenartige Museen, die irgendjemand in seinem Haus eingerichtet hat. Diese Minimuseen sind die allerbesten, denn dort stößt man auf allerlei Seltsames und Einzigartiges: zum Beispiel auf eine ganz bestimmte Art schlechter Gemälde, die einem manchmal viel mehr verraten als die bekannten Meisterwerke. An diesen Orten sieht man all die Bilder, die es nicht bis in die großen Museen geschafft haben. Solche, die ein reicher Mann vor dreihundert Jahren bei einem Künstler mit den Worten in Auftrag gegeben haben könnte: Ich möchte, dass Sie mir ein Bild von der Schlacht bei Wolfenbüttel malen. In der Mitte soll ich zu Pferd mit dem Schwert in der Hand zu sehen sein, dort drüben soll Onkel Johann mit dem Speer stehen und unten in der Ecke Cousin Heinrich. Auf diese Weise entsteht eines dieser riesigen, mehrere Quadratmeter großen Gemälde, vollgestopft mit verschiedenen Figuren und vielen Einzelszenen. Es sind schreckliche, hässliche Gemälde, richtige Katastrophen, aber man kann darauf all die kleinen Details studieren. Oder man sieht Gemälde von Städten wie Amsterdam, auf denen Bewohner, mit Körben oder irgendetwas anderem beladen, die Straßen entlanggehen. Kunsthistorisch ist das zwar nicht besonders interessant, doch diese Bilder erzählen einem viel darüber, wie die Straßen ausgesehen und die Menschen gelebt haben. Daher habe ich sie oft betrachtet.

Sie haben sich mit Ihren Büchern “Snow Crash”,“Diamond Age” und “Cryptonomicon” weltweit einen Namen als Autor von Science Fiction gemacht. Lieber wäre Ihnen jedoch für Ihre Bücher die Bezeichnung „science in fiction“, wozu für Sie auch die Barock-Trilogie zählt. Können Sie uns näher erläutern, was Sie darunter verstehen?

All diese Genrebezeichnungen bieten den Menschen lediglich eine Orientierungshilfe beim Bücherkauf. Wenn ich in eine Buchhandlung gehe, möchte ich wissen: Wo finde ich die Bücher, die mir gefallen? Daher ist es nützlich, wenn das Regal die Aufschrift “Science Fiction”, “Fantasy” oder was auch immer trägt. Aber man darf diese Bezeichnungen nicht zu ernst nehmen. Ich wollte damit sagen, dass einem Science-Fiction-Fan durchaus auch die Barock-Trilogie gefallen könnte, obwohl sie nicht in der Zukunft spielt, und darin weder Aliens noch Laserkanonen vorkommen. Allem Anschein nach handelt es sich also nicht um Science Fiction, aber ein Science-Fiction-Leser könnte es trotzdem mögen. Aber genauso gut wäre es möglich, dass Menschen, die Science Fiction nicht ausstehen können, gerne die Barock-Trilogie lesen, eben weil sie ihnen nicht wie Science Fiction vorkommt. Das ist alles, was ich damit sagen möchte.

Es gibt etliche Bezüge zwischen der Barock-Trilogie und Ihrem Roman „Cryptonomicon“. Zum einen sind es thematische Bezüge, wie die Suche nach einem legendären Goldschatz oder die Kryptographie, zum anderen gibt es aber auch personelle Zusammenhänge. Die Protagonisten der Barock-Trilogie sind zugleich Vorfahren der Hauptpersonen aus „Cryptonomicon“. Lassen Sie uns etwas ausführlicher über diese drei zentralen Personen der Barock-Trilogie sprechen: Da ist zunächst der Naturphilosoph Daniel Waterhouse, der in „Principia“ von Amerika nach Europa zurückkehrt, um Newton und Leibniz miteinander zu versöhnen.

Daniel hätte es als Wissenschaftler weit gebracht, wenn er zu einer anderen Zeit geboren worden wäre. Aber als Zeitgenosse von Newton, Leibniz und vielen anderen bedeutenden Wissenschaftlern ist er ein Niemand. Er ist deshalb nicht verbittert, sondern begreift dies als sein Schicksal. Schlussendlich macht er es sich zur Lebensaufgabe, den großen Wissenschaftlern zu dienen, die seinen Weg kreuzen. Zwar besitzt Daniel eine gewisse politische Macht, aber er möchte sie aufgrund seiner Herkunft nicht ausüben. Sein Vater war ein berühmter Anführer und großer Anhänger von Cromwell. Als der Barockzyklus einsetzt, ist Cromwell bereits gestürzt worden und seine Leute werden verachtet, aber in der Politik sind sie immer noch sehr einflussreich. Der König kann ohne sie nichts ausrichten, da ihm das Parlament nur über ein Bündnis mit ihnen Geld bewilligt. So wird Daniel gegen seinen Willen in die Politik hineingezogen und versucht schließlich, im Streit zwischen Newton und Leibniz, aber auch zwischen Newton und Hooke zu vermitteln (Daniel ist Hookes Freund). Diese Verpflichtungen werden ihm aufgeladen, und er sitzt zwischen allen Stühlen. Dabei ist er stets bemüht, es allen recht zu machen.

Dann wäre da die Familie der Shaftoes. Jack Shaftoe ist ein Abenteurer, der seinen Weg vom bitterarmen Gassenjungen zu zweifelhaftem Ruhm macht: Er wird eine lebende Legende und zu einem der weltweit meistgesuchten Schurken. Sind Sie im Zuge Ihrer Recherchen auf historische Vorbilder für Jack Shaftoe gestoßen?

Neal Stephenson

© Peter von Felbert

Es gab zu dieser Zeit einige berühmte Verbrecher in London. Aus irgendeinem Grund hießen alle Jack – und Shaftoe geht ein wenig darauf zurück. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass einer von diesen Verbrechern so wie mein Jack die ganze Welt umrundet hat.

Diese Epoche war auch die große Zeit der Schelmenromane. Damals wurde der sogenannte „Picaro“, die Hauptfigur dieser Gattung, erfunden und daher verfassten die Menschen Schelmenromane und ließen solche Personen darin auftreten, „Don Quixote“ ist ein Beispiel dafür. Also erschien es auch mir naheliegend, einen Schelmenroman mit einem Picaro als Hauptfigur zu schreiben. Ich hatte schon ein paar Vorstellungen, wie er sein sollte, weil es in „Cryptonomicon“ die Figur des Bobby Shaftoe gibt. Daher habe ich mir mit Jack jemanden ausgedacht, der Bobby in gewisser Weise ähnlich ist, in anderer Hinsicht jedoch sein Gegenteil verkörpert: Jack ist wild und zügellos, hingegen ist Bobby in „Cryptonomicon“ Marinesoldat und viel disziplinierter. Jack ist der Picaro, er bringt die Dinge durcheinander, er ist unberechenbar, er macht überraschende, verrückte Sachen und verursacht eine Menge Ärger. Oft hat er keine Ahnung, was er eigentlich tut. Doch ohne dass er es vorhersehen könnte, setzt er Ereignisse in Gang und wird, wie Sie erwähnten, zum berühmten „König der Vagabunden“.

Wenden wir uns nun Eliza zu, die eine überaus interessante Figur ist: Sie verdankt ihren spektakulären Aufstieg vor allem ihrem genialen Geschäftssinn, doch zu früheren Zeiten wäre es völlig ausgeschlossen gewesen, dass eine Frau von niedrigem Stand wie sie soziale Barrieren durchbricht. Für ihren Erfolg wird sie gleichermaßen bewundert und gehasst. Welchen neuen Menschentyp repräsentiert Eliza?

Eine der großen Veränderungen, die sich damals in Europa vollzogen, war, dass Geld an sich maßgeblich wurde, also nicht mehr nur das ‚alte‘ Geld des Adels ins Gewicht fiel. Die Adeligen besaßen weiterhin große Ländereien, verpachteten sie und verdienten auf diese Weise ihr Einkommen. Doch daneben entstand das ‚neue‘ Geld, das durch Handel generiert wurde. Den Adel, die Vertreter des ‚alten‘ Geldes, beunruhigte diese Entwicklung, denn sie konnten nicht begreifen, woher diese neuen Vermögen eigentlich kamen. Für den Adel war es eine befremdliche Vorstellung, dass man Wohlstand allein durch den Austausch von Gütern schaffen konnte. Es erschien unnatürlich, wie eine Art Alchemie oder Zauberei. Außerdem verfügten die Leute, die sich damit beschäftigten, nicht über die alten familiären Verbindungen und das entsprechende Auftreten. Daher empfanden die Adeligen das alles als höchst beunruhigend und verstörend. Sie mochten diese Leute nicht, konnten aber ohne sie nicht mehr existieren. Im Buch wird zum Beispiel deutlich, dass die französischen Adeligen die Anbindung an ihre Ländereien verloren, als Ludwig der XIV. sie zwang, an den Hof nach Versailles zu ziehen. Sie konnten nach wie vor Geld einnehmen und Pacht beziehen, aber da sie nicht mehr auf dem Anwesen ihrer Familie lebten, begannen sie miteinander um die vornehmste Kleidung, die prächtigste Kutsche und das schönste Haus zu konkurrieren. Weil sie dafür Geld brauchten, ließen sie sich auf Finanzgeschäfte in Amsterdam ein, denn das war der nächstgelegene Ort mit einer modernen Börse. Und mit der Zeit kam es zu den ersten privaten Verbindungen, den ersten Ehen, zwischen altem und neuem Geld. All diese Entwicklungen hat es tatsächlich gegeben und sie sind hervorragend in Geschichtsbüchern beschrieben. Eliza ist nichts anderes als ein sehr anschauliches und außergewöhnliches Beispiel dafür. Am Anfang ist sie eine Sklavin und arbeitet sich von da aus hoch. Ich glaube, man kann von diesem Menschentyp eine bessere Vorstellung vermitteln, wenn man ihn besonders deutlich oder überzogen darstellt.

Hatten Sie keine Skrupel, eine Ikone wie Newton als Spinner oder Zar Peter den Großen als barbarischen Raufbold darzustellen?

Nein, diese Schilderungen beruhen auf historischen Berichten. Ich glaube nicht, dass ich Newton viel merkwürdiger dargestellt habe als er ohnehin war. Er war ein sehr eigenartiger Mann. In vielerlei Hinsicht war er todunglücklich, und es ist irgendwie traurig zu sehen, welche Qualen er deshalb durchlitt.

Was Peter den Großen betrifft, so ist ebenfalls ziemlich gut belegt, dass er ein hochintelligenter und sehr gebildeter Mann war, der allerdings die Dinge etwas zu gern selbst in die Hand nahm. Nicht dass er etwa dumm, kriminell oder dergleichen gewesen wäre. Er war einfach äußerst energiegeladen und hatte nicht die Geduld, Verantwortung zu delegieren. Also wird man seinem Charakter, denke ich, durchaus gerecht, wenn man ihn so darstellt, dass er, hätte es ein Schiff zu bauen gegeben, einfach selbst zur Werft gegangen wäre und losgelegt hätte.

Es scheint als hätten Sie während der Arbeit an der Barock-Trilogie eine ganz besondere Zuneigung zu Leibniz gefasst. Ist dieser Eindruck richtig?

Was man über Leibniz liest, lässt ihn in einem wesentlich sympathischeren Licht stehen als zum Beispiel Newton. Interessant ist, dass Leibniz eine Anzahl enger weiblicher Freunde hatte. Sophie von der Pfalz, Caroline von Braunschweig und Liselotte von der Pfalz standen ihm alle sehr nahe – wenn sie ihm eine Frage stellten, beantwortete er sie auch. Sie waren alle intelligente, wissbegierige Frauen, und ich vermute, dass viele Männer, denen sie im Laufe ihres Lebens begegneten, davor keinen Respekt zeigten. Hätten sie diese Männer etwas gefragt, hätte die Antwort gelautet: „Ach, kommen Sie, meine Liebe, Sie würden das niemals verstehen.“ Aber wenn sie sich an Leibniz wandten und ihn baten, ihnen Dynamik, Logarithmen oder was auch immer zu erläutern, dann hat er es ihnen erklärt. In ihren Briefen geht ganz deutlich hervor, dass diese Frauen, vor allem Liselotte, große Zuneigung zu Leibniz gefasst hatten. Natürlich weiß ich nicht, wie Leibniz wirklich war, aber ich kann feststellen, dass all diese hochintelligenten Frauen ihn verehrt haben, und daraus schließe ich, dass er irgendwie ein netter Kerl gewesen sein muss. Auch er war ein trauriger Mensch, aber sympathischer als Newton.

Für einen Schriftsteller ist es ungewöhnlich, dass er so fachkundig und anschaulich über Mathematik, naturwissenschaftliche Forschung und technische Experimente schreiben kann. Macht sich da Ihre Herkunft – Sie stammen aus einer Familie von Naturwissenschaftlern – bemerkbar?

Ich habe keine Angst vor diesen Themen, sondern fühle mich wohl, wenn ich darüber nachdenke und schreibe. Ich bin zwar kein Mathematiker, aber solange es um die ganz alte Mathematik oder Naturwissenschaft geht, verstehe ich genug von der Materie, um darüber zu schreiben. Ich glaube, dass man Mathematik oder Naturwissenschaften am besten begreift, indem man sie jemandem erklärt. Als ich zur Universität ging, arbeitete ich kurze Zeit als Tutor, um einen Studenten mit Legasthenie zu unterstützen. Weil er überhaupt nicht lesen konnte, musste ich ihm Physik ohne jegliche Aufzeichnung erklären. Das war spannend und zwang mich, intensiver über alles nachzudenken. Ein Jahr zuvor hatte ich diesen ganzen Stoff gelernt und gedacht, ich hätte ihn verstanden, aber richtig begriff ich ihn erst, als ich ihn diesem anderen Mann erklärte. Wenn diese ganzen Ideen bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar und sinnvoll sind, sollte es leicht gelingen, sie mit Worten zu begründen und gute, anschauliche Erklärungen zu verfassen. Das habe ich in der Barock-Trilogie versucht.

Die Barock-Trilogie zeigt eine Welt im Umbruch. Geht die neue Ordnung, die in dieser Zeit entsteht, aus der neuartigen Verknüpfung von Geld und Informationstechnologie hervor?

Neal Stephenson

© Peter von Felbert

Der erste Band heißt “Quicksilver”, ein Begriff aus der Welt der Alchimie. Er ist assoziiert mit dem Wandel, mit Merkur, dem Götterboten, mit dem Flüchtigen, dem Schnellen, dem Gott mit den Flügelschuhen – man denke an American Express, deren Markenzeichen noch heute Merkur ist. Aber Quecksilber ist auch ein tödliches Nervengift. Das erste Buch widmet sich dieser Periode des Wandels, die einsetzt, wenn sich die Ereignisse plötzlich beschleunigen. Es kommen neue Ideen und Informationen auf, aber diese Entwicklung trägt auch einen giftigen Keim. Die Menschen sind bereit für den Wandel, weil vielerorts Krieg und großes Leid herrschen.

Der zweite Band trägt den Titel „Confusion“, was wörtlich „Verschmelzung“ bedeutet: Con-fusion. Aber natürlich gebrauchen wir diesen Begriff normalerweise im Sinn von „Verwirrung“: Jemand begreift nicht, was vor sich geht, und das ist das Motiv des zweiten Buches.

Im dritten Band schließlich kommen die Ereignisse allmählich zur Ruhe und fügen sich in eine neue Ordnung, deshalb heißt er im Original „The System of the World“. Auch der deutsche Titel „Principia“ drückt das aus: Die Prinzipien, auf die unsere moderne Gesellschaft gründet, bilden sich nun erkennbar heraus. Es geht hier weniger um die Informationstechnologie an sich, sondern um ein neues System, das gerade in der Geschäftswelt, im Geldverkehr, finanziellen Transaktionen, etc. und auch in der Politik entsteht. Und es ist charakteristisch für dieses System, dass, einmal in Gang gekommen, seine Prinzipien für die nächsten Jahrhunderte den Lauf der Welt bestimmen werden.

Lassen Sie uns über künftige Projekte sprechen: Bearbeiten Sie in ihrem jüngsten Roman „Anathem“ wieder einen historischen Stoff oder hat das Buch diesmal einen ganz anderen Charakter?

Ich beschloss, über etwas völlig anderes zu schreiben, weil ich mich mittlerweile sehr bequem im Barock eingerichtet hatte. Ich kannte mich aus, besaß alle Bücher und Karten und befürchtete, dass ich für den Rest meines Lebens Bücher über diese Epoche schreiben würde, wenn ich jetzt damit weitermachte. Das wäre zwar auch in Ordnung gewesen, aber ich finde, es tut einem gut, sich immer wieder einmal mit etwas ganz anderem zu beschäftigen. „Anathem“ ist ein Science-Fiction-Roman und steht in keiner Verbindung zu den Charakteren und Ereignissen der Barock-Trilogie oder von „Cryptonomicon“. Aber es gibt philosophische Bezüge, denn einige der philosophischen und wissenschaftlichen Themen, über die sich die Menschen in der Barock-Trilogie austauschen, finden unter anderen Bezeichnungen auch Eingang in das neue Buch. So gesehen setzt „Anathem“ den Barock-Zyklus auf einer anderen Ebene fort, aber in Bezug auf die Welt und die Personen wird ein klarer Schnitt gemacht. Es gibt keine Waterhouses, keine Shaftoes und keinen Enoch Root mehr … Es ist eine ganz neue Idee.

Sie arbeiten neben der Schriftstellerei als Berater für ein Raumfahrtunternehmen. Wie wichtig ist diese andere Tätigkeit für Sie?

Es war mir schon immer wichtig, Aufgaben zu übernehmen, die mich vom Schreibtisch wegbringen. Deshalb macht mir auch die Beratertätigkeit solchen Spaß. Ich habe immer versucht, an den Nachmittagen etwas anderes zu tun. Ich stehe morgens auf, rasiere mich, frühstücke und arbeite jeden Vormittag sehr konsequent zwei, drei Stunden an meinem Buch. Aber dann muss ich aufhören, denn wenn ich den ganzen Tag durcharbeite, lässt die Qualität nach. Ich werde müde und wirr, und dann ist es besser, es einfach bleiben zu lassen … Deshalb mache ich am Nachmittag immer etwas anderes, und normalerweise hat das überhaupt nichts mit meiner Arbeit als Schriftsteller zu tun.

Und das macht Ihren Kopf frei und hilft Ihnen, sich wieder aufs Schreiben zu konzentrieren?

Ja, das hilft mir, weil 90 Prozent des Schreibprozesses im Hintergrund ablaufen. Er geschieht nicht bewusst oder so wie unser Gespräch. Es ist ein geheimnisvoller Vorgang, der auf einer unbewussten Ebene stattfindet. Man muss ihn laufen lassen und ihm die Freiheit geben, sich zu entfalten. Wenn man mit Gewalt versucht, diesen Prozess zu kontrollieren und unentwegt darüber nachdenkt, wird er zerstört. Ich habe vor langer Zeit gelernt, nur ein paar Stunden zu schreiben und dann einfach etwas völlig anderes zu tun. Normalerweise handelt es sich dabei um etwas Technisches, es könnte aber auch eine Arbeit an meinem Haus sein, eine Spielerei am Computer oder was auch immer. Aber es muss etwas anderes sein. Das hat sich für mich bewährt.

Das Interview führte Elke Kreil

MANHATTAN GOLDMANN MANHATTAN GOLDMANN