Im Gespräch

Neal Stephenson zur Entstehungsgeschichte von „Amalthea“

„Amalthea“ ist ein Projekt, mit dem ich mich schon lange beschäftige. Die Idee kam mir, als ich in Teilzeit bei Blue Origin arbeitete, einem privaten Raumfahrtunternehmen, das im Jahr 2000 von Jeff Bezos gegründet wurde.

Neal Stephenson

© Peter von Felbert

Der Kern, aus dem sich die Geschichte entwickelt hat, war das Problem des Weltraummülls in einer erdnahen Umlaufbahn. Ich hatte einiges über diese Problematik gelesen: Sie interessierte mich zum einen als ein potentielles Hindernis für die Bemühungen der Firma, zum anderen aber auch grundsätzlich als eine Möglichkeit, etwas Sinnvolles im Weltraum zu tun, indem man nach Wegen sucht, Weltraumschrott zu beseitigen.


Einige Weltraumforscher hatten Befürchtungen geäußert, dass durch die Kollision von Trümmerteilen eine große Anzahl an Bruchstücken entstehen könnte, was wiederum die Wahrscheinlichkeit weiterer Zusammenstöße und weiterer Bruchstücke erhöhen und schließlich eine Kettenreaktion auslösen könnte. Dadurch könnte sich so viel Schutt in einer niedrigen Erdumlaufbahn ansammeln, dass für die zukünftige Erforschung des Weltraums eine regelrechte Barriere entstünde.


Da ich mit der Vorstellung „Der Weltraum, unendliche Weiten“ aufgewachsen bin, war ich ebenso bestürzt wie fasziniert davon, dass stattdessen nur etwa hundertsechzig Kilometer über unseren Köpfen eine undurchdringliche Begrenzung entstehen könnte.


Als ich darüber nachdachte, wie aus dieser Idee eine Geschichte werden könnte, beschloss ich, dass sie in Erdnähe – oder zumindest innerhalb des Sonnensystems – spielen sollte, und des Weiteren dass ich auf die Verwendung von Überlichtgeschwindigkeitsantriebssystemen und anderen Technologien, für die es keine bekannte physikalische Basis gibt, verzichten würde.

Obwohl sich viele gute Science-Fiction-Romane solcher Konzepte bedienen, bin ich der Auffassung, dass die interstellare Raumfahrt vermutlich überbewertet wird. So bald werden wir unser Sonnensystem nicht verlassen. Und falls wir es fertigbrächten, zu einem „nahegelegenen“ Stern zu gelangen – ein absurd schwieriges Unterfangen -, würden wir dort wohl nicht viel finden. Dagegen eröffnet dasselbe Maß an Anstrengung, wenn sie auf oder nahe der Erde aufgewendet wird, ein weites Feld für mögliche Abenteuer.


Ein weiteres Element, das seinen Weg in die Geschichte fand, ist das Konzept der Aliens. SF-Autoren haben sich alle möglichen Aliens ausgedacht, von denen manche unglaublich fantasievoll und manche so gänzlich anders sind als wir, dass man sie sich kaum vorstellen kann.

Die Aliens jedoch, die sich in unserer Populärkultur gehalten haben, waren Englisch sprechende Humanoide. In manchen Fällen, wie bei Star Trek, sind sie uns so ähnlich, dass wir uns sogar mit ihnen paaren können. Die unterschwellige Botschaft scheint zu sein, dass die Aliens wir und wir die Aliens sind. Gut. Ein Grund mehr, die Entwicklung des Überlichtgeschwindigkeitsantriebs auf sich beruhen zu lassen.


Neal Stephenson - Amalthea

Das Buch „Amalthea“

Wie all diese Ideen und Überlegungen letztlich Eingang in „Amalthea“ gefunden haben, kann ich hier nicht weiter ausführen, ohne zu viel zu verraten. Nachdem die Grundzüge der Geschichte für mich feststanden, habe ich noch jahrelang überlegt, in welchem Medium ich sie erzählen möchte: als Kinofilm, Fernsehserie, Computerspiel …? Bis ich schließlich beschloss, mich einfach hinzusetzen und einen Roman daraus zu machen, etwas, wovon ich sicher weiß, dass ich es beherrsche.

Da das Konzept bereits ausgereift war, kam ich schnell voran und konnte etwa ein Jahr später meinem amerikanischen Verleger den Roman vorlegen. Der einzige Punkt, der mir Kopfzerbrechen bereitete, war ein Ende zu finden, das den Lesern das Gefühl gibt, dass die Handlung in sich abgeschlossen ist, wobei gleichzeitig der Eindruck einer entgrenzten Welt bestehen bleibt. Ob mir das gelungen ist, dazu mag sich jeder selbst eine Meinung bilden …



(© 2015 Neal Stephenson, Deutsch von Juliane Gräbener-Müller)


MANHATTAN GOLDMANN MANHATTAN GOLDMANN