Gold, Geld und Piraten

Rezension zu "Confusion" von Karl Hafner

Neal Stephenson erzählt in "Confusion" von Intrigen und Verschwörungen an den Finanzmärkten des 17. Jahrhunderts.

In "Confusion" hat der amerikanische Autor Neal Stephenson, wie er anfangs selbst erklärt, zwei Romane in einem Buch zusammengefasst und miteinander verwoben, damit der Leser, wenn er im Jahr 1702 angelangt ist, nicht wieder zurückspringen muss ins Jahr 1689. "Confusion" ist der zweite Teil von Stephensons bombastischer Barock-Trilogie. In "Quicksilver", dem ersten Teil, ging es ihm vor allem um die wissenschaftlichen und technischen Revolutionen dieser Zeit. Jetzt, im zweiten Teil, widmet er sich der Entstehung des Handels- und Bankenwesens. Was sich auf den ersten Blick etwas trocken anhören mag, wird von Stephenson jedoch in einen spannenden, actiongeladenen Historienroman gepackt. Natürlich überlappen sich die beiden Geschichten in "Confusion", Geschehnisse der einen Geschichte nehmen bedeutenden Einfluss auf die Vorkommnisse der anderen. Stephenson schildert in "Confusion" die beiden Seiten derselben Medaille: Wie verdient man auf schnelle Art und Weise Geld?

Flucht in Ketten

In "Bonanza", dem ersten Buch des Romans, bedient man sich - um reich zu werden - noch der Methode des klassischen Raubs. Reich ist der, der das Gold und Silber hat. Jack Shaftoe, der König der Landstreicher, der in "Quicksilver" von Piraten verschleppt wurde, kommt wieder zu klarem Verstand, nachdem ihm die Syphilis die Sinne vernebelt hatte, und findet sich urplötzlich als Rudersklave wieder. Anscheinend hat er jahrelang vor sich hin gerudert, angekettet in den Rümpfen der großen Handelsschiffe, für den Ruhm und Reichtum anderer.

Jetzt ist Shaftoe in Algier gelandet und geniesst dort teilweise sogar ein bisschen Freiheit. Er kann sich immerhin mit seinen Kollegen unterhalten, wenn sie am Abend unbewacht zurückgehen dürfen in ihre Sklavenunterkünfte mitten in der Stadt. Mit neun Mitverschwörern aus verschiedenen ethnischen Gruppen, was Anlass zu permanenten Diskussionen über verschiedenste Auffassungen von Recht und Unrecht bietet, wird ein Plan ausgeheckt, um aus der Sklaverei zu entkommen und dabei auch noch reich zu werden. Die Verschwörer schmieden einen wahnwitzigen Plan: Sie wollen ein mit Silber beladenes Schiff kapern, damit ihre Freiheit erpressen, um dann doch mit dem ganzen Silber abzuhauen. Tatsächlich gelingt es der Gruppe, das Schiff zu entern. Doch die Männer müssen bald feststellen, dass Gold statt Silber an Bord des Schiffes ist, was ihre Verhandlungsbasis etwas verschlechtert. Schließlich war mit möglichen Hehlern Silber ausgemacht.

Stephensons befleißigt sich während dieser Episode eines schnellen und ruhelosen Erzählstils und schafft es über viele Seiten hinweg eine gehörige Portion Spannung zu erzeugen, etwa als die Verschwörer von dem riesigen Markt Khan el-Khalili in Kairo zurück zum Schiff am Nilufer fliehen müssen und sich einer Übermacht französischer Musketiere gegenübersehen. Die Verschwörer gehen aus dieser infernalen Schlacht siegreich hervor; was sich jedoch schnell als Strohfeuer des Glücks entpuppt. Shaftoes Flucht aus der Sklaverei in die Freiheit wird eine ganze Dekade dauern und den halben Erdball umfassen. Durch den Mittleren Osten, Indien, Japan und Südamerika wird die Odyssee gehen, bis Shaftoe endlich wieder in England ankommt. Der neu erworbene Reichtum erweckt Begehrlichkeiten verschiedenster Parteien und ruft jede Menge zweifelhafter Elemente auf den Plan, von denen andere Piraten noch ein eher geringeres Übel sind.

Dem König, was dem König gebührt

Shaftoes Tat erschüttert die Politik in Europa. Schließlich war das gestohlene Gold ursprünglich dafür gedacht, die französische Flotte im Krieg gegen England zu finanzieren. Das Finanzwesen ist im Wandel begriffen. Man beginnt mit Papieren und Wechseln zu hantieren und gründet Banken und Börsen. Auch in diesem Tätigkeitsfeld kann man reich werden, etwa durch die geschickte Vergabe von Krediten oder - noch einfacher - durch Finanzmanipulationen.

Das zweite Buch "Das Komplott" spielt vor allem in Holland, Frankreich, Deutschland und England. Eliza, in "Quicksilver" noch von Shaftoe aus einem türkischen Harem gerettet und zu seiner Geliebten geworden, ist mittlerweile zur Gräfin de la Zeur aufgestiegen und verkehrt am Hof von Versailles. Bei dem Versuch, mit ihrem illegitimen Sohn und ihrem Hab und Gut nach England zu fliehen, wird sie gefangen genommen und zurück nach Frankreich gebracht. Geistesgegenwärtig leiht sie dem französischen König Ludwig XIV. Geld für seine Marine und entgeht so ihrem Schicksal als Kriegsgefangene und Spionin.

Sehr schnell macht sich Eliza unentbehrlich bei Hofe. Ausgestattet mit einer Kommission soll sie nach Lyon reisen, um dort Holzbestände für den König zu kaufen. Auf dieser Reise beginnt Eliza zu verstehen, wie der allmählich international werdende Geldfluss funktioniert. Die allgemeine Rezession in Europa, resultierend aus dem Versiegen der Gold- und Silbervorräte, führt ihr vor Augen, wie man durch das neu entstandene Kreditwesen reich werden kann. Eliza ist der Dreh- und Angelpunkt in Stephensons Roman. Sie manipuliert die Finanzmärkte, unterhält Liebschaften aus purer Lust oder aus Berechnung, diskutiert mit führenden Gelehrten wie Isaac Newton über die Mechanismen des Handels und der Politik. Und sie hat immer eine große, übergeordnete Mission: Rache. Zuerst an dem Menschen, der sie damals als Sklavin in den türkischen Harem verschleppt hat, später an dem Mann, der es wagte, ihren Sohn zu rauben. Stephenson lässt Eliza hier fein gesponnene, verblüffend scharfsinnige Intrigen entwickeln, die immerhin den König selbst, Shaftoes Bruder Bob, Wilhelm Leibnitz sowie Isaac Newton mit ins Geschehen ziehen.

Was die Welt zusammenhält

Was Stephenson in "Confusion" versucht, ist gewaltig. Er verpackt den damaligen Paradigmenwechsel in Wissenschaft, Philosophie, Handel und Politik unaufgeregt und nebenbei in eine spannende Handlung und schafft es dabei sogar, dass wissenschaftliche Theorien und Erkenntnisse den Plot vorantreiben, ohne dadurch in einen schwerfälligen Stil zu verfallen. Er erzählt von der Erfindung des modernen Handels und des Bankenwesens, schildert die Geburt der Wissenschaft aus der Alchemie und der Naturphilosophie und beschreibt letzen Endes die Befreiung des Individuums durch die Aufklärung. Dabei beeindruckt er mit einer Detailfülle, die beinahe erschlägt, egal, ob er von einer Theateraufführung am königlichen Hof und den Reaktionen des Publikums erzählt, das unübersichtliche Treiben in den nordafrikanischen Karawansereien schildert oder die Methode der Herstellung von Phosphor erläutert. Trotzdem ist die Handlung wesentlich geradliniger als in "Quicksilver".

Stephenson interessiert sich natürlich auch hier wieder besonders für das Wesen von Information und Wissenschaft. Briefe werden ver- und entschlüsselt, Depeschen abgefangen. Der französische Hof ist bevölkert von Kryptologen, Mathematikern und Naturwissenschaftlern. Das Wissen, dass die verschiedenen philosophischen Vereinigungen mittlerweile zusammengetragen haben, ist zu groß, um von einem Individuum allein noch verarbeitet werden zu können. Man muss sich spezialisieren und so verschärfen sich die Grabenkämpfe der verschiedenen Schulen. In zahlreichen Briefen zwischen den großen Wissenschaftlern der Epoche darf man teilhaben an den Diskussionen und Streitereien der verschiedenen Fraktionen und erhält so einen schönen Überblick über die Geistesgeschichte der damaligen Zeit.

Erklärung der Welt

Eliza und Jack Shaftoe treffen sich nach ewigen Wirren und Irrungen nur kurz wieder in diesem Buch. Es ist kein Happy End zwischen zwei Liebenden. Jack wird bald wieder auf Reisen gehen mit einem beinahe unlösbaren Auftrag. Man darf gespannt sein, was Stephenson mit den beiden noch vorhat, wohin er generell noch will mit seiner Trilogie. Schließlich soll der dritte Teil den nicht gerade bescheidenen Titel "Das System der Welt" tragen. Ein großes Versprechen, das tatsächlich gelingen könnte, wenn man sich die Vielzahl der Orte, Personen und Ideen der ersten beiden Bände seiner Barock-Trilogie vor Augen führt.

Karl Hafner
München, Oktober 2006

 
MANHATTAN GOLDMANN MANHATTAN GOLDMANN