Rezension zu "Quicksilver"

von Karl Hafner

Wenn Daniel Waterhouse sich nicht immer wieder um Isaac Newton kümmern würde, gä;be es dessen Werk Principia Mathematica wahrscheinlich gar nicht. Newton vergisst vor lauter Entdeckerfreude immer wieder das Essen, magert ab und lebt nur von der Welt der Zahlen, von seinen empirischen Beobachtungen, von seinen genialen Überlegungen. Daniel Waterhouse muss ihn immer wieder daran erinnern, dass der menschliche Körper auch noch andere Bedürfnisse hat - neben denen des Geistes.

In seinem neuen Roman "Quicksilver" bleibt der amerikanische Autor Neal Stephenson seinem Prinzip treu, wichtige Personen der Wissenschaftsgeschichte als Charaktere für sein Buch zu verwenden. In seinem letzten Roman "Cryptonomicon" baut unter anderen Alan Turing einen Computer, mit dem der codierte deutsche Funkverkehr im Zweiten Weltkrieg entschlüsselt werden kann. "Cryptonomicon" war ein weitschweifendes Buch über die Welt der Kryptographie, zeitlich angesiedelt zwischen Zweitem Weltkrieg und Gegenwart, und versuchte, Verbindungslinien aufzuzeigen zwischen den frühen Visionä;ren der Computertechnologie und den heutigen, weltumspannenden Datennetzwerken. Stephenson beschreibt darin die Welt der Computer-Hacker, und Nerds, die ihr Leben mit Fantasy-Rollenspielen und Programmieren verbringen - und doch diejenigen sind, die das wirkliche Ausmaß an Technologisierung durchschauen und diese Technik auch für ihre Zwecke nutzen können.

In einem Interview meinte Stephenson einmal, er hätte, während der Recherche für "Cryptonomicon" immer stä;rker den Drang verspürt, zu den Anfä;ngen der modernen Wissenschaften zurückzuschauen und das Fundament des neuzeitlichen Denkens zu ergründen. In gewisser Weise beschreibt Stephenson in "Quicksilver" die Welt der Nerds und Hacker des spä;ten 17. und frühen 18. Jahrhunderts, die Welt eines Isaac Newtons, eines Gottfried Wilhelm Leibniz oder eines Robert Hookes. "Quicksilver" ist der erste Teil von Stephensons "Barock-Zyklus". Zwei weitere Bünde ä;hnlichen Umfangs - "Quicksilver" hat beinahe 1200 Seiten - werden folgen.

Die Welt aus Null und Eins

Zu Beginn des Romans, der aus drei einzelnen Büchern besteht, reist der mysteriöse Alchemist Enoch Root in einer Rahmenhandlung nach Newtone in Massachusetts, um dort den Englä;nder Dr. Daniel Waterhouse abzuholen. Waterhouse hat dort eine kleine Forschungsstelle aufgebaut, das "Massachusetts Bay Colony Institut der Technologischen Wissenschaften", heute weltberühmt unter dem Namen "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) und wohl wichtigste Forschungsstä;tte für Ingenieurswissenschaften und Zukunftstechnologien. Damals ist dieses Institut nur ein Ein-Mann-Betrieb in einer kleinen vollgemüllten Holzbude, in der Waterhouse, aus Europa vertrieben von politischen Intrigen, weltabgewandt vor sich hin forscht. Auf unzä;hligen Zetteln versucht er das gesamte Wissen der Menschheit zu genealogisieren. Er verwendet dafür das kürzlich von Leibniz perfektionierte binäre Zahlensystem, um eine Welt aus Nullen und Einsen zu schaffen, die in sich logisch und dadurch absolut berechenbar ist. Es ist ein gigantisches, wahnsinniges Unterfangen. Es muss einen Nummerncode geben für den Begriff "Arche Noah", genauso wie für "Die Erwä;hlung und Herrschaft von Rudolf von Habsburg" oder für "Traditionelle Heilmittel gegen Impotenz". Auf jedem Karteikä;rtchen steht eine Nummer, jede Nummer ist das Produkt von Primzahlen, jedes höhere Gedankenkonzept ist das Produkt aus Basiskonzepten. Das Ziel: Jedes Konzept mit einer Nummer zu versehen und jede Nummer einem Konzept zuzuordnen.- So wird eine riesige Datenbank entstehen.

Maden im Speck

Doch jetzt ist es erstmal vorbei mit Waterhouses Forscheridylle im fernen Amerika. In Europa streiten sich Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz darüber, wer als Erster die universale Rechenmaschine gebaut hat. Zudem wird es politisch brisant in Europa. Waterhouse soll, weil er mit beiden befreundet war, schlichten und versöhnen und sich somit ein bisschen um die Politik kümmern. während sich Waterhouse auf eine lange, gefä;hrliche Schiffsreise in die Alte Welt begibt, unterwegs von Blackbeard, dem Piraten, überfallen wird, geht die Handlung des Romans zurück ins Jahr 1661.

Am Trinity College in Cambridge unternehmen Waterhouse und Newton ihre ersten wissenschaftlichen Gehversuche. Sie wohnen zusammen in einem Zimmer und schon damals muss Waterhouse feststellen, dass er nie so genial sein wird wie sein exzentrischer Zimmergenosse. Mit Newton schlendert er über Mä;rkte, um Prismen zu kaufen. Wochenlang beschä;ftigen sie sich mit ihrem neuen Spielzeug, studieren wie das Licht durch die Prismen gebrochen wird und sich in Spektralfarben spaltet. Waterhouse darf mitansehen, wie Newton mit einer Stricknadel Druck auf das Innere seines Auges ausübt, um hinter die Geheimnisse des menschlichen Sehens zu kommen. Es ist eine wilde, aufregende Zeit.

spä;ter, während die Pest in London wütet und die Straßen entvölkert, schließt sich Waterhouse der Royal Society an, dem Zentrum des modernen, naturwissenschaftlichen Denkens. Dort darf er Koryphä;en des Fachs, wie Robert Hooke und den (fiktiven) John Comstock, bei ihren Experimenten unterstützen und für sie Handlanger-Tä;tigkeiten ausführen. Regelmä;ßig gibt es Streitereien mit den Nachbarn, weil stechender Gestank, auch im Sinne der Erkenntnis, nicht nach jedermanns Geschmack ist. Man versucht in der Royal Society zu verstehen, wie Leben scheinbar aus dem Nichts entsteht: Wie kommen die Maden in das faulende Fleisch?

Der Löwe frisst das Lämmchen nicht

Stephenson zeichnet die Zeit des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts penibel genau. Er beschreibt die Knöpfe an der Kleidung ebenso wie die verschiedenen Viertel Londons, die Stammbäume der verschiedenen Adelshäuser sowie deren politische Machtspiele. Er beschreibt den Klerus, der so lange an dem neuen Denken interessiert ist, solange sich damit Stellen aus der Heiligen Schrift beweisen lassen. Es ist wohl ein Versöhnungsangebot, dass John Wilkins, der Chef der Royal Society, seine Zeit darauf verwendet zu überlegen, wie die Arche Noah organisiert gewesen sein muss, damit nicht der Löwe das Lämmchen fressen und zugleich genug Futter für die verschiedenen Tiergeschmäcker an Bord sein konnte. Immer wieder lässt Stephenson seine Figuren über zentrale Themen der Naturphilosophie diskutieren und vermittelt somit Einblicke in unsere Geistesgeschichte. Das ist nicht immer leicht zu lesen und erfordert einige Konzentration, doch wenn man sich darauf einlässt, ist das Buch nicht nur spannend, sondern auch lehrreich.

Die zentrale Metapher des Romans ist das Quecksilber, das Symbol für die Alchemie, die sich gerade im Übergang zur überprüfbaren Wissenschaft befindet. Es ist zugleich das Metall, das dem Götterboten Merkur zugeordnet ist, der seine Entsprechung findet in Enoch Root, dem Nachrichtenüberbringer zwischen der Royal Society in England und Wissenschaftlern auf dem Kontinent. Merkur ist zugleich der Gott der Reise und des Handels - Themen, denen sich Stephenson im zweiten Buch des Romans "König der Landstreicher" zuwendet.

König der Landstreicher

Hier durchstreift der gewiefte Jack Shaftoe Europa, das noch schwer gezeichnet ist vom 30jährigen Krieg. Shaftoe wuchs in Essex auf und siedelte dann aufs Festland über. Bald hat er einen gruseligen Job gefunden: Reiche Familien von zum Tode Verurteilten zahlen ihm Geld, damit er sich beim Tod durch Erhängen an die Beine des Unglücklichen klammert, damit die ganze unschöne Prozedur schneller und weniger schmerzhaft zu Ende geht. Später wird er dann Söldner. Er kämpft dort, wo es am meisten Geld für Mord- und Totschlag gibt. Bei der Belagerung von Wien durch die Türken befreit er, eher zufällig, die Konkubine Eliza aus dem Harem des Sultans und verliebt sich in sie. Gemeinsam reisen sie durch die kulturellen und ökonomischen Zentren Europas, nach Paris und Versailles, Leipzig und Amsterdam. Eliza entwickelt währenddessen ein ausgesprochenes Gespür für den Handel und für die politische Intrige.

Der Handel mit Geld ist gerade am Entstehen; statt mit Silber, beginnt man in Münzen zu bezahlen. Vergleichbar zu den Versuchen von Waterhouse, das Wissen der Menschheit in Zahlen zu kodieren, wird auch hier der reale Tauschwert des Silbers virtualisiert und als Zahl auf Münzen geprägt. Die Welt der neuen Wissenschaft und die des Handels treffen sich: Als England am Ende des 17. Jahrhunderts in eine Währungskrise rutscht, übernimmt Newton die Aufsicht über Englands Münzmanufakturen - und gleitet wieder in das alte alchemistische Denken ab.

Spionage in Versailles

Im dritten Buch "Obalisque" treffen sich die beiden Erzählstränge und ergeben ein komplexes Bild der politischen Wirren dieser Zeit. Daniel Waterhouse arbeitet mittlerweile am Hof von James II. in London. Politische Umstände haben seine ursprüngliche Forschergruppe inzwischen auseinandergerissen. Eliza hat es geschafft, vor allem dank ihrer Fähigkeiten im Handel, in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Frankreichs aufzusteigen. Als sich schwerwiegende Konflikte zwischen England und Frankreich abzeichnen, spioniert sie am Hof Ludwigs des XIV. in Versailles. Jack Shaftoe ist verschollen, aber wohl nicht tot. Vielleicht wird er in einem der nächsten Bände des "Barock-Zyklus" wieder auftauchen.

Stephenson wird weiter an seiner fiktionalisierten Geschichte der Technologisierung arbeiten. Dass er diesen historischen Roman in erster Linie geschrieben hat, um das Damals mit der heutigen Zeit in Bezug zu setzen, zeigen schon die Namen seiner Hauptfiguren. Dr. Daniel Waterhouse ist ein Vorfahre von Lawrence und Randy Waterhouse, den Hauptfiguren in "Cryptonomicon". Auch Enoch Root, der zeitlose Magier, den immer ein Hauch von Schwefel umgibt, geistert durch sein früheres Buch. "Quicksilver" lässt sich jedoch unabhängig von "Cryptonomicon" lesen.

Es wirkt beinahe so, als ob Stephenson ein ähnlich wahnsinniges Unterfangen plant wie seine Hauptfigur Daniel Waterhouse: eine digitalisierte Katalogisierung des Wissens - und dessen Verarbeitung in Romanform. Doch zeigt er schon zu Beginn von "Quicksilver": Das ist die Arbeit eines Sisyphos. Der Wind bläst die mühsam sortierten Kärtchen mit dem Binärcode immer wieder weg. Dr. Daniel Waterhouse müsste ewig ordnen.

Karl Hafner
München, Januar 2005

 
MANHATTAN GOLDMANN MANHATTAN GOLDMANN